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09 Nov 2022

Neue Geschäftsoptionen der dezentralen Energiewende – Ergebnisbericht zum House of Energy-Dialog 2022

Neue Geschäftsoptionen der dezentralen Energiewende –  Ergebnisbericht zum House of Energy-Dialog 2022

Beim House of Energy-Dialog 2022 tauschten sich Vertreter der Energiewelt, der Finanzwelt und der Rechtswissenschaft transdisziplinär über Perspektiven für neue Geschäftsoptionen der dezentralen Energiewende aus.

Zunächst wurden aktuelle externe Impulse geboten, die in der Runde der ca. 30 anwesenden Experten aus dem House of Energy-Netzwerk diskutiert wurden. Im zweiten Teil wurden die in diesem Kreis aufgeworfenen Themen und Fragestellungen in vier Workshopgruppen diskutiert. Für das persönliche Netzwerken bot das Haus Metzler in Bonames ein wunderbares Ambiente.

Einführung

Im Ringen um Klimaschutz, Energiesicherheit und Energiegerechtigkeit werden die rechtlichen Rahmenbedingungen neu ausgerichtet und zielen auf eine dezentrale Energiewende. Dabei spielen Erneuerbare Energien, Sektorenkopplung (Strom-Wärme-Mobilität), Wasserstoff und Energieeinsparung eine zentrale Rolle. Die Umsetzung dieser Energieprojekte geschieht zu großen Teilen lokal vor Ort durch Unternehmen, Bürger und Kommunen. Dies schafft vielfältige neue Geschäftsoptionen, über deren Chancen, Herausforderungen und Umsetzungsmöglichkeiten ein persönlicher Austausch stattfand.

Prof. Dr. Peter Birkner, Geschäftsführer des House of Energy, betonte, dass für die Energiewende drei Säulen notwendig seien, um Klimaneutralität in Deutschland zu erreichen:

  • Erneuerbare Energien und systemstabilisierende Komponenten,
  • Bedarfsreduktion durch Suffizienz und Effizienz,
  • Dauerhafte Abscheidung und Bindung von Klimagasen für Prozesse, die sich nicht ohne CO2-Entstehung umsetzen lassen.

Für den Gastgeber Bankhaus Metzler begrüßten Dr. Philipp Finter, Sustainable Investment Office und Oliver Kopp, Direktor Institutionelle Kundenbetreuung. Das Thema Nachhaltigkeit spiele bereits seit über 20 Jahren eine wichtige Rolle bei Metzler Asset Management. In den vergangenen Jahren nehme die Bedeutung bei der Vermögensverwaltung zu. Nachhaltigkeitskriterien im Portfolio wirkten wertsteigernd. Bei der Portfoliokonstruktion sei zu vermeiden, sich nicht beabsichtige Risiken ins Portfolio zu holen. Im CO2-intensiven Bereich könnten Kapitalkosten zukünftig sehr hoch werden. Die betroffenen Industrien (z.B. Zement) würden jedoch weiterhin benötigt und müssten finanziert werden, nicht zuletzt zum Aufbau der Infrastruktur für die Energiewende.

Energy Sharing als regionales Vermarktungskonzept

Marcel Keiffenheim vom genossenschaftlich organisierten Energieversorger Green Planet Energy eG referierte zum Thema Zukunftsweisende Ansätze für die dezentrale Strom-, Wärme- und Mobilitätswende. Dabei fokussierte er auf das Thema Energy Sharing als regionales Vermarktungskonzept. Dies zeichne sich durch eine gemeinschaftliche Erzeugung und Nutzung von Strom im Verteilnetz aus. Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften finanzierten und betrieben gemeinschaftlich regionale Erzeugungsanlagen. Die Mitglieder, i.d.R. Bürger*innen, bezögen so vergünstigten regionalen Strom. Vorteile dieses Konzepts bestünden darin, dass

  • die Akzeptanz von Erneuerbaren Energien erhöht werde,
  • mehr Erneuerbaren-Ausbau ermöglicht werde, insbesondere in Siedlungsnähe,
  • die lokale Versorgungssicherheit und Wertschöpfung verbessert und
  • Anreize für Flexibilität geschaffen würden.

Energy Sharing biete ein attraktives Geschäftsmodell für Stadtwerke in der Rolle des ermöglichenden Dienstleisters. Die praktische Umsetzung sei allerdings mit Hindernissen verbunden. Noch gebe es in Deutschland keinen förderlichen Rahmen für Energy Sharing. Auch eine eindeutige rechtliche Definition für Energy Sharing fehle bislang. Hintergrundinformationen und ein Umsetzungsvorschlag fänden sich in der aktuellen Studie „Energy Sharing:  Eine Potenzialanalyse“ des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung, die im Internet frei verfügbar ist.

Chancen und Herausforderungen bei der Finanzierung von erneuerbaren Energien

Elena Engel vom Sparkassen- und Giroverband Hessen-Thüringen (SGVHT) begleitet die Sparkassen strategisch bei der Transformation des deutschen Mittelstands. Eine Herausforderung bei der Finanzierung von Erneuerbare Energien-Projekten bestehe darin, dass die Kreditkunden neben Breitenbedarfen auch individuelle branchenabhängige Tiefenbedarfe aufweisen, die es zu bedienen gelte. Nicht jede kleine Sparkasse habe die notwendigen Kapazitäten für eigene Finanzierungen, daher werde hier die „Manpower“ der Sparkassen-Finanzgruppe genutzt. Wichtige Partner im Verbund der Sparkassen seien z.B. die Deutsche Anlagen-Leasing (DAL), die Finanzierungen für Erneuerbare Energien-Anlagen strukturiere und Power Purchase Agreements (PPA) ermögliche, sowie die Landesbank Hessen-Thüringen und auch die deutsche Förderbank KfW für Energieeffizienz-Förderkredite.

Ein weiteres großes Thema sei die EU-Taxanomie, die zum Ziel habe, Finanzströme in nachhaltigere Aktivitäten umzuleiten und die ab 2026 auch für kleine und mittlere kapitalmarktorientierte KMU gelten werde. Denkbar ist, dass die Taxanomievorgaben für Finanzinstitute und Nicht-Finanzinstitute bei staatlichen Förderungen über eine Förderfähigkeit mitentscheiden werden. Darüber hinaus gebe es neue europäische Standards zur Kreditvergabe und -überwachung. Dies beinhalte das Management physischer und transitorischer Risiken im Zusammenhang mit „Nachhaltigkeit“ im Sinne von ESG (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung).

Rechtlicher Rahmen für innovative Konzepte dezentraler Energieversorgung
am Beispiel von Mieterstrom und Quartiersversorgung

Katharina Klug referierte für die Stiftung Umweltenergierecht, die sich als unabhängige Forschungseinrichtung und Zukunftswerkstatt zum Rechtsrahmen der Energiewende versteht. Frau Klug ging auf die Frage ein, welche Umsetzungsmöglichkeiten der aktuelle Rechtsrahmen für innovative Konzepte der dezentralen Energieversorgung bietet – verstanden als Fälle von Erzeugung und Verbrauch vor Ort. Dabei beleuchtete sie beispielhaft die Themen Mieterstrom und Quartiersversorgung mit Wärme und Strom. Beides könne den Ausbau der Photovoltaik beschleunigen.

Beim Mieterstrom nach EEG führe der aktuelle rechtliche Rahmen zu einer Begrenzung der Stromnutzung auf einzelne Gebäude. Frau Klug benannte diverse Herausforderungen für die Umsetzung von Mieterstromprojekten. Auch bei der Ausweitung der Stromnutzung auf Quartiere bestünden hohe rechtliche Hürden (Leistungsgrenze, Ausschluss reiner Gewerbeimmobilien, Beschränkung des Letztverbraucherkreises, keine Netznutzung).

Bei der Wärmeversorgung im Quartier ginge es um die gemeinsame Erfüllung ordnungsrechtlicher Pflichten im Gebäudebereich nach Gebäudeenergiegesetz (GEG). Für Projekte zur Quartiersversorgung bestehe grundsätzlich das Problem, dass der Quartiersbegriff nicht klar definiert sei. Noch lebten wir in einer energierechtlichen Welt aus der Zeit der Großkraftwerke, die die Möglichkeiten der dezentralen Energieversorgung noch nicht adäquat abbilde. Letztlich seien die Akteure derzeit mit Hürden auf mehreren Ebenen konfrontiert: Die finanziellen Anreize seien zu gering, der bürokratische Aufwand zu hoch und hinzu kämen Lieferengpässe und Fachkräftemangel. 

[Anm. der Red.: Gerne weisen wir Sie auf die Praxis-Schulungen zur Umsetzung von Mieterstrom-Projekten sowie die Mieterstromkampagne der Hessischen LandesEnergieAgentur hin].

Workshops

Am Nachmittag fand ein Fachaustausch zu Themen und Fragestellungen statt, die die Teilnehmerschaft aktiv aufgeworfen hatte. Dazu wurden vier Kleingruppen gebildet:

  • Energiesystem der Zukunft
    Um ein Bild von den Potenzialen neuer Geschäftsoptionen für die dezentrale Energiewende zu erlangen, skizzierte eine Gruppe ein Bild des zukünftigen Energiesystems und diskutierte, auf welchen Pfaden und unter welchen Voraussetzungen sich der Weg dorthin beschreiten lässt.

  • Dezentrale Energieversorgung vor Ort
    Eine weitere Gruppe diskutierte, was notwendig ist, damit Projekte für die dezentrale Energiewende vor Ort greifbar werden und zum Fliegen kommen. Im Zusammenhang mit einer zukunftsorientierten Energieversorgung vor Ort wurde auch die Bedeutung von Flexibilitäten besprochen.

  • Wärmewende vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels
    Diese Gruppe setzte sich mit der Umsetzung der Wärmewende und den gegebenen Hürden auseinander, beschrieb Potenziale und formulierte Lösungsansätze für die Erschließung und Nutzung unterschiedlicher Energiequellen.

  • Bankengestützte Transformation
    Ausgehend von der EU-Taxanomie erörterte diese Gruppe, welche Technologien sich perspektivisch durchsetzen dürften und wie die Brücke von Einzelprojekten hin zu Projekten mit Sektorenkopplung in größerem Maßstab geschlagen werden kann. Auch das Risikomanagement wurde thematisiert. In diesem Zusammenhang wurden Chancen von greifbaren Modellprojekten in Form von Reallaboren sowie mögliche Vorteile durch die Bildung von Bankenkonsortien diskutiert.

Fazit

Zukünftige dekarbonisierte Energiesysteme werden sich strukturell von herkömmlichen Energiesystemen unterscheiden. Wir werden es mit multimodalen Systemen zu tun haben, die Elektrizitätsversorgung, Wärmeversorgung, Gasversorgung und Mobilität zusammenführen und übergreifend zu planen und zu finanzieren sind. Kennzeichnend für dezentrale Projekte werden die Sektorenkopplung und die Einbindung in vernetzte Systeme sein. Die Einzelkomponenten werden Flexibilität bereitstellen und Leistungsschwankungen ausgleichen müssen. Doch das Ziel beschreibt noch nicht den Weg dorthin. Der Rechtsrahmen bildet diese Entwicklung aktuell noch nicht ausreichend ab. Es braucht eine Regulierung, die Klarheit und Planungssicherheit schafft und zugleich eine einfache und unkomplizierte Umsetzung für die Akteure garantiert. Der Klimaschutz erfordert eine hohe Umsetzungsgeschwindigkeit und niedrige Hürden.

Diese Transformations- und Umstrukturierungsprozesse entsprechen einer Operation am offenen Herzen. Dies geht mit Unbestimmtheiten auf vielen Ebenen einher, was die Akteure verunsichert. Beispielsweise können sich bei größeren Infrastrukturprojekten die Voraussetzungen für die Amortisation im Verlaufe des Abschreibungszeitraums verändern.
 
Eine mögliche Strategie, um mit dieser Situation umzugehen und eine größtmögliche Investitionssicherheit zu erreichen besteht in einem dreistufigen Vorgehen, das auf einem Verständnis der Anforderungen des künftigen Energiesystems beruht:

  1. No regret / Must be Maßnahmen können durchgeführt werden
  2. No go Maßnahmen sind zu vermeiden
  3. Risikobehaftete Maßnahmen sind durch eine Diversifikationsstrategie zu beherrschen

Unterstützend wird ein transdisziplinärer Austausch zwischen den klassischen Fachrichtungen bzw. Branchen notwendig sein. Im Zuge dessen bietet es sich an, Unternehmen der Finanzwelt systematisch mit solchen aus der neuen Energiewelt zu vernetzen, um die Grundlagen für neue strukturierte Finanzprodukte in einem sich verändernden regulatorischen Rahmen zu schaffen. Für bestimmte Kundengruppen sind Risiken aufzufangen und es stellt sich die Frage an die Finanzinstitute, wie sie mit dem daraus für sie selbst entstehenden Risiko pragmatisch umgehen können. Aus Kundensicht wird entscheidend sein, dass Finanzierungspartner mehr einbringen, als nur Kapital und soweit möglich Projekte aktiv mit dem gebündelten Know-how ihrer Konsortien über den gesamten Lebenszyklus der Projekte begleiten.

Weitere Informationen

Weitere Informationen zu der Veranstaltung sowie eine Bildergalerie finden sich unter: https://hoe-veranstaltungen.de/Archiv/event.php?vnr=68-108

Ansprechpartner: Dirk Filzek, d.filzek@house-of-energy.org

 



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Ansprechpartner

Ivonne Müller B.A.
Tel.: +49 (0)561 510 05-325
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